Digitale Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund

Studie bestätigt Notwendigkeit der Fortbildung

Autorin: Karin Drda-Kühn

Eine Studie der Hochschule Bielefeld, durchgeführt mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung, lieferte 2022 erstmals für Deutschland detaillierte Daten zur Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund. Sie konzentrierte sich auf zwei große Einwanderungsgruppen: Menschen mit ex-sowjetischem und türkischem Migrationshintergrund. Neben der allgemeinen Gesundheitskompetenz wurden auch die digitale und die navigationale[1] Gesundheitskompetenz untersucht.

Interessant dabei im MIG-HEALTH-APP-Kontext: Die deutschen Ergebnisse decken sich weitgehend mit den Erfahrungen, die das Projektkonsortium in sechs europäischen Ländern (Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und Zypern) erfasst und dokumentiert hat. Insbesondere auffallend: Es fanden sich keine gravierenden Unterschiede zwischen der Allgemeinbevölkerung und der migrantischen Bevölkerung.

Die wichtigsten Studienergebnisse[2], die digitale Gesundheitskompetenz der genannten Migrantengruppen betreffend:

  1. Die digitale Gesundheitskompetenz ist bei Personen mit ex-sowjetischem und türkischem Migrationshintergrund schlechter ausgeprägt als die allgemeine Gesundheitskompetenz: Jeweils über zwei Drittel verfügen über eine geringe digitale Gesundheitskompetenz; in einzelnen Teilgruppen sind es deutlich mehr. Große Schwierigkeiten bestehen u.a. bei der Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit sowie der Neutralität digitaler Gesundheitsinformationen. Die digitale Gesundheitskompetenz fällt verglichen mit der Allgemeinbevölkerung etwas besser aus. Die Nutzendenkreise digitaler Informationsangebote sind ebenfalls größer als in der Allgemeinbevölkerung. Abgesehen von Internetseiten werden digitale Informationsangebote jedoch nur von einer Minderheit genutzt; z. B. interagiert nur etwa ein Fünftel digital mit Gesundheitsprofessionen.
  2. Die navigationale Gesundheitskompetenz ist am schlechtesten ausgeprägt: Drei Viertel der Personen mit ex-sowjetischem und türkischem Migrationshintergrund weisen eine geringe navigationale Gesundheitskompetenz auf. Dabei schätzen Befragte der türkeistämmigen Gruppe die navigationsbezogenen Informationsaufgaben im Durchschnitt sogar leichter ein als die Allgemeinbevölkerung. Einzelne Aufgaben werden von beiden Migrationsgruppen ähnlich schwierig eingeschätzt: so z. B. die Beurteilung von Gesundheitsreformen und Gesetzesänderungen, Patientenrechten oder Kostenübernahmen der Krankenkassen. Auch die navigationale Gesundheitskompetenz unterliegt einem sozialen Gradienten.
  3. Im Vergleich der beiden Migrationsgruppen zeigen sich zahlreiche Gemeinsamkeiten. Die allgemeine und die digitale Gesundheitskompetenz sind bei Personen mit ex-sowjetischem und türkischem Migrationshintergrund ähnlich ausgeprägt. In beiden Gruppen wirft die Beurteilung von Informationen am häufigsten Schwierigkeiten auf und es sind die gleichen Teilgruppen, die besonders von geringer Gesundheitskompetenz betroffen sind. Unterschiede zeigen sich dagegen im Umgang mit Informationen zur Prävention: die türkeistämmige Gruppe sieht sich hier vor größere Schwierigkeiten gestellt als die ex-sowjetische Gruppe. Auch im Bereich Krankheitsbewältigung und der navigationalen Gesundheitskompetenz ist der Anteil geringer Gesundheitskompetenz in der türkischen Gruppe deutlich niedriger. Ferner bestehen Unterschiede bei dem Informationssuchverhalten.

Die Ergebnisse unterstreichen gemäß der Studie den gesellschaftlichen und politischen Handlungsbedarf, denn die Gesundheitskompetenz ist in weiten Teilen der Bevölkerung, so auch bei Menschen mit ex-sowjetischem und türkischem Migrationshintergrund, gering. Bei der Förderung von Gesundheitskompetenz ist es wichtig, insbesondere vulnerable Teilgruppen zu adressieren, für sie zielgruppenspezifische Interventionen zu entwickeln und dabei die Diversität zu beachten. Neben Interventionen zur Stärkung der persönlichen Gesundheitskompetenz sind außerdem Maßnahmen erforderlich, die zur Erleichterung des Erwerbs von Gesundheitskompetenz und des Umgangs mit Gesundheitsinformationen beitragen; dazu zählen die Verbesserung der Qualität von gesundheitsrelevanten Informationen und die Ermöglichung eines gesundheitskompetenten, nutzungsfreundlichen, diversitätssensiblen Gesundheitssystems und ebensolcher Organisationen und Professionen.

Lesen Sie mehr: https://www.bosch-stiftung.de/sites/default/files/publications/pdf/2022-01/Studie_Gesundheitskompetenz_von_Menschen_mit_Migrationshintergrund_in_Deutschland.pdf

 

Bildnachweis: Gerd Altmann auf Pixabay; Nutzungsbedingungen

 

[1] Sie beschreibt die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen finden und verarbeiten zu können, um sich damit im Gesundheitssystem zu orientieren und sich durch seine Organisationen und Dienste zu navigieren.

[2] Berens, E.-M., Klinger, J., Mensing, M., Carol, S., Schaeffer, D. (2022). Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland – Ergebnisse des HLS-MIG. Bielefeld: Interdisziplinäres Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK), Universität Bielefeld. https://doi.org/10.4119/unibi/2960131